Junge Frau sitzt am Laptop und wirkt abgelenkt – symbolische Darstellung von Konzentrationsproblemen bei ADHS.

Einanderesgehirn erklärt: ADHS endlich verständlich!

Warum ADHS oft missverstanden wird

ADHS wird in unserer Gesellschaft noch immer häufig missverstanden. Zwar gehören Unruhe, Impulsivität und Unaufmerksamkeit zu den zentralen Symptomen von ADHS nach ICD-11 (Gomez et al., 2023), doch werden sie oft fehlinterpretiert – als Faulheit, Desinteresse oder mangelnde Selbstdisziplin.

„Du musst dich einfach nur mehr anstrengen, dann gelingt dir das auch!“

Dabei handelt es sich nicht um eine Charakterschwäche, sondern um eine andere Art, wie das Gehirn Reize aus der Umgebung verarbeitet. Hier hilft das Konzept der Neurodiversität: Es besagt, dass nicht alle Gehirne gleich funktionieren und dass diese Unterschiede ein natürlicher Teil menschlicher Vielfalt sind (Miranda-Ojeda et al., 2025).

Innerhalb dieser Vielfalt spricht man von neurodivergenten Menschen, wenn ihre Wahrnehmung und Informationsverarbeitung von der sogenannten „Norm“ abweichen – zum Beispiel bei ADHS, Autismus oder Legasthenie.

Kurz gesagt:

  • Neurodiversität = Vielfalt
  • Neurodivergenz = individuelle Abweichung von der Mehrheit

Was ist ADHS?

Aktuelle Definition und Hauptsymptome

Die ICD-11 beschreibt ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) als neuronale Entwicklungsstörung, die mit anhaltenden Schwierigkeiten in den Bereichen Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätsregulation verbunden ist. Das ist eine wichtige Neuerung gegenüber der ICD-10, in der ADHS noch als Verhaltens- und emotionale Störung bei Kindern und Jugendlichen eingeordnet war (Tebartz van Elst et al., 2025).

Die neue Klassifikation macht deutlich:
ADHS ist keine „klassische Verhaltensauffälligkeit“, sondern eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die meist in der Kindheit beginnt und bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt.

Nach dem DSM-5 (Gomez et al., 2023) stehen drei Hauptsymptombereiche im Vordergrund:

  • Unaufmerksamkeit: Schwierigkeiten, sich längere Zeit zu konzentrieren; leichte Ablenkbarkeit; Vergesslichkeit
  • Impulsivität: Handeln, bevor man denkt; andere unterbrechen; spontane Entscheidungen ohne Abwägen
  • Hyperaktivität: innerlich oder äußerlich „getrieben“ sein; motorische Unruhe; starker Bewegungsdrang oder Gedankenrasen

 

ADHS bei Kindern vs. ADHS bei Erwachsenen

Bei Kindern steht häufig die körperliche Unruhe im Vordergrund: Sie können schwer stillsitzen, platzen mit Antworten heraus oder verlieren schnell das Interesse an angefangenen Aktivitäten (Martel et al., 2012).

Bei Erwachsenen zeigt sich ADHS oft subtiler: innere Unruhe, „Aufschieberitis“, chaotische Organisation, emotionale Überforderung oder Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen. Viele Erwachsene erfahren erst spät, dass sie ADHS haben – oft nach Jahren des „Nicht-Funktionierens“ im Alltag und/oder Beruf (Holst & Thorell, 2020).

Trotz unterschiedlicher Ausprägungen in den Lebensphasen haben Kinder und Erwachsene mit ADHS eines gemeinsam: Ihre Herausforderungen beruhen auf einer veränderten Regulation von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Emotionen (Banaschewski et al., 2017).

Ausblick: Beratungsangebote bei einanderesgehirn

In ihrer Praxis in der Altstadt Heidelbergs sowie online bietet Sina von einanderesgehirn Psychoedukation, Workshops und Projekte rund um ADHS an. Sie verbindet Fachkompetenz aus der Pädagogischen Psychologie mit praxisnahen Ansätzen und der Systemischen Therapie, um Verständnis zu fördern und den Alltag von Betroffenen und Angehörigen zu erleichtern.

Darüber hinaus vermittelt Sina Betroffenen und ihren Angehörigen in individuellen Beratungsgesprächen, wie sie den Alltag besser meistern und ihre Stärken gezielt einsetzen können – im Beruf, in Beziehungen oder im Familienleben.

Ihre Botschaft dabei ist klar:

Du bist nicht zu viel und nicht zu wenig. Dein Gehirn ist einfach anders – und das ist okay.

Gomez, R., Chen, W., & Houghton, S. (2023). Differences between DSM-5-TR and ICD-11 revisions of attention deficit/hyperactivity disorder: A commentary on implications and opportunities. World Journal of Psychiatry, 13(5), 138–143. https://doi.org/10.5498/wjp.v13.i5.138

Holst, Y., & Thorell, L. B. (2020). Functional impairments among adults with ADHD: A comparison with adults with other psychiatric disorders and links to executive deficits. Applied Neuropsychology: Adult, 27(3), 243–255. https://doi.org/10.1080/23279095.2018.1532429

Martel, M. M., von Eye, A., & Nigg, J. (2012). Developmental differences in structure of attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) between childhood and adulthood. International Journal of Behavioral Development, 36(4), 279–292. https://doi.org/10.1177/0165025412444077

Miranda-Ojeda, R., Wickramasinghe, A., Ntolkeras, G., Castanho, I., & Yassin, W. (2025). The Neurodiversity Framework in Medicine: On the Spectrum. Developmental Neurobiology, 85(1), e22960. https://doi.org/10.1002/dneu.22960

Tebartz van Elst, L., Riedel, A., & Biscaldi-Schäfer, M. (2025). Die Neuordnung der neuromentalen Entwicklungsstörungen in der ICD-11. Der Nervenarzt. Advance online publication. https://doi.org/10.1007/s00115-025-01876-w